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Aus den Wittener Tagen für Neue Kammermusik 2024 – Erster Tag

Updated: 1 day ago

3. – 5. Mai 2024


Anfang Mai machte ich mich auf den Weg nach Witten im Ruhrgebiet, um die Wittener Tage für Neue Kammermusik 2024 zu erleben. Das Festival, das jährlich von der Stadt und dem Westdeutschen Rundfunk veranstaltet wird, gehört zu den wichtigsten Ereignissen der zeitgenössischen Musik in Deutschland und ganz Europa.


Von "Restklängen" zu den Nach(t)klängen


Als ich am Abend dem 3. Mai angekommen bin, habe ich zwei Konzerte im Saalbau noch mitbekommen. Das erste ‘In the margins' wurde mit dem Stück für E–Gitarre von dem deutschen Komponisten Andreas Dohmen eingeleitet.

“FFP I (leçon du mardi)”, von Yaron Deutsch uraufgeführt, entfaltete sich in einem Neben- und Nacheinander verschiedener Texturen, im virtuosen Fingerspiel und in immer wieder ausbrechenden Klangschichten. Es schien, dass die Zuhörer erst in die Klangwelt eingeführt werden müssen, damit diese Musik überhaupt fassbar wird. Zwischendurch bin ich auf den Gedanken gekommen, dass die elektrische Gitarre für mich noch ein ziemlich unbekanntes Land ist. In meiner Heimat Estland hat sie sich in der zeitgenössischen Musik noch nicht richtig durchgesetzt. Yaron Deutsch hat das Soloinstrument als eine Selbstverständlichkeit gezeigt. An der sehr anspruchsvollen Komposition von Dohmen hat er angeblich auch ein ganzes Jahr gearbeitet. Neben vielseitiger Spieltechnik konnte man in der Aufführung starke schöpferische Kraft spüren.


Als nächstes Stück hörte man “In margine” der italienischen Komponisten Francesca Verunelli. Sie war auch die Porträtkomponistin des ganzen Festivals und in den nächsten Tagen konnte ich ihre Musik noch besser kennen lernen. Das in den Jahren 2021 bis 2022 für das Streichorchester komponierte Stück wurde vom Ensemble Resonanz unter der Leitung von Frederike Scheunchen aufgeführt. Eine wundervolle Klangpoesie hat sich da abgespielt! Die Musiker habe ihre Instrumente teilweise nur aus der Ferne gestrichen. Ich nahm zarte Töne hautnah wahr, die kaum greifbar wirkten, als ob sie noch nicht bereit wären, Musik zu werden. Ab und zu bildeten sich Intervalle und Zusammenklänge, die wie natürliche und ursprüngliche Folge von Tönen oder Geräuschen erschienen. Man ging hier nie richtig in einen Ton (Grundton) ein, sondern weichte immer ab. Stattdessen hörte man Teiltöne, Mikrointervalle, Geräusche und Laute... “Wenn man den Kern (den Sinuston) wegnimmt, bleiben Restklänge, die wie Randbemerkungen im Buch sind" (nach Verunelli).


Im Programm war noch das Nachtkonzert ‘time loop’ mit dem Synthesizer–Trio Lange/Berweck/Lorenz. Auf der Bühne waren unterschiedliche analoge und digitale Maschinen von Synthesizern bis Computern zu sehen. Nachdem es im Auditorium dunkel geworden war, konnte sich das Publikum zu einer nächtlichen Reise begeben. Das Konzert entwickelte sich aus einzelnen Stücken zu einer großen Klangsphäre. Man hörte die Uraufführungen von Pierre Jodlowsky, Christina Kubisch, Thomas Kessler und Hainbach feat. Lange/Berweck/Lorenz. Spätestens nach dem zweiten Stück hätte ich mir gewünscht, dass die Musiker nie aufhören zu spielen – meine Sinne haben sich der Wellenlänge des Ganzen völlig angepasst. Klangfarben einzelner Instrumente und Gewebe von Mehrklängen, Herangehensweisen von unendlicher Art, aber nie zu viel und immer geschmackvoll, strömende Formen, die Zeit genug hinterließen, Klangereignisse wahrzunehmen, gutes Ensemblegefühl und Spaß am Spielen – das alles war spürbar!






Foto: Age Veeroos

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