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Aus den Wittener Tagen für Neue Kammermusik 2024 – Verunelli


Francesca Verunelli war, wie ich bereits angedeutet habe, die Porträtkomponistin diesjährigen Wittener Tage. Man konnte einen guten Überblick über ihre Musik gewinnen und außerdem einiges von den Denkweisen erfahren, die dahinter stecken. Beim Gesprächskonzert Unfolding konnte die Komponistin die Hintergründe ihrer Musik in Worte setzen, indem sie die Fragen von Martina Seeber beantwortete. 


Ein Gedanke, den Verunelli in der Diskussion geäußert hatte, war, dass jedes neue Stück für sie wie eine Untersuchung ist, in der sie etwas Neues herausfindet und  schöpft. Diese Idee kam mir erstens bekannt vor, weil ich das manchmal ähnlich empfinde. Immer fange ich bei Null an, als ob ich nichts von der Musik oder von den Instrumenten wüsste. Die Zusammenhänge müssen sich erst “offenbaren”, damit man weiss, mit welchen Aspekten und welcher Logik man in den jeweiligen Kompositionen zu tun haben wird.

Zweitens habe ich die Bedeutung eines solchen Standpunktes von Verunelli anhand ihrer Musik auch direkt erlebt. Die Stücke, die man von ihr in Witten hörte, waren eigentlich schon unterschiedlich. Obwohl sie zeitlich eher nahe beieinander komponiert sind, haben sie zuweilen sehr verschiedene Klangcharaktere.


Am zweiten Festivaltag (4. Mai) gab es “Songs and Voices” (2023) für 6 Sänger, 10 Instru-mentalisten und Elektronik, aufgeführt im Saalbau von den Neuen Vocalsolisten und dem Ensemble C Barré, unter der Leitung von Sébastian Boin.

Bei diesem Zyklus habe ich einiges von Verunelli wiedererkannt, anderes kam wiederum neu vor. Außerdem musste ich spätestens nach dieser Aufführung an die Raumakustik denken. Die Tatsache, dass alle Konzerte des Festivals für das Radio aufgenommen wurden, merkte man schon am ersten Tag an der massiven Technik. Auch an diesem Konzert hieß es, dass alle Instrumente mit Mikrofonen verbunden waren und dadurch hier und da verstärkt, bzw. durch Live-Elektronik erweitert wurden. Das hatte eine besondere Auswirkung – je nachdem, wo man im Publikum saß, hörte man etwas aus der Nähe, anderes aus der Ferne, direkt von den Instrumenten und Stimmen oder indirekt im Raum reflektiert. Es entstand eine Art Dramaturgie von Klangquellen, die sich zwischen der normalen Saalakustik und den Lautsprechern abspielte und bei der man manchmal schon überlegen musste, auf welchem Instrument ein Klang erzeugt wurde. 


Im 6-teiligen "Songs and Voices" geht es, nach Verunelli, um einen „poetischen Versuch, sich dem Gesang zu nähern”. Man hörte Stimmen und Geräusche, die als Klangmaterial entweder sehr leise und weit vom Singen oder aber trotzdem mit Stimmen verbunden waren. Der ganze Zyklus entwickelte sich wie eine Untersuchung der Stimme. Der erste Teil “Five Songs” (Kafka’s sirens) für Tutti ohne Stimmen hatte einen etwas archaischen Klangcharakter, war rhythmisch und manchmal auch tänzerisch.

Im zweiten Teil “Voices” für Tutti konnte man die Voraussetzung des Singens schon ahnen, indem die Stimmen von Lebewesen (eigentlich noch keine Menschenstimmen) angedeutet wurden. Es klang wie eine wunderbare Harmonie der Stimmen und Instrumente, aus der die menschlichen Stimmen herauswachsen und endlich in den Vordergrund treten. Immer noch waren sie keine richtigen Stimmen, sondern eher Stimmgeräusche, die man noch näher untersuchen und gestalten sollte.

Mit dem dritten Teil “Unvoiced” für einen Schlagzeuger und sechs Stimmen, der auf lautlosen Stimmen aufgebaut war, näherte man sich dem eigentlichen Singen. Das kulminierte im vierten Teil “A valediction for her sister" (a love song) für Stimme und akustische Gitarre mit Skordatur, einem vom Stil her volkstümlichen alten Gesangstück mit stark mikrotonaler Begleitung. Verunelli hat im Programmbuch erläutert, dass der Text aus einem alten Lied auf Griko stammt, “einer Sprache, die aus der Kreuzung des Alt-griechischen mit den autochthonen Minderheitensprachen des Salento entstanden ist”. Obwohl mir die restlichen zwei Teile des Zyklus etwas zu lang schienen, weil sie mit dem schon sich wiederholten Material und einer gewissen Mechanik statisch wirkten, handelte es sich um eine sehr besondere Komposition mit feiner Klangsprache.




Vor der Aufführung von

"Songs and Voices"

4. Mai 2024

Saalbau Witten



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